Rezension

Unter Kollegen. Führung dezentral verteilen

Das kollegial geführte Unternehmen

Selbstorganisation an sich ist weder gut noch schlecht. Sie findet einfach statt. Keine agile Transformation kommt mehr ohne sie aus, aber auch in hierarchischen Organisationen tritt sie auf. Möglicherweise aber nicht in einer für das Unternehmen sinnvollen Art und Weise.

Das kollegial geführte Unternehmen ist in Kreisen organisiert und versteht sich als eine Synthese verschiedener aktueller Ansätze von sozio- und holokratischen Kreisorganisation, Netzwerk- und Pfirsichorganisation. Außerhalb der Organisation findet sich das Marktumfeld, im Kern sind die Inhaber verortet. Der Fokus liegt auf der direkter Werkschöpfung, die Führung der Organisation soll von denjenigen Kreisen ausgehen, die den direktesten Beitrag zur Wertschöpfung liefern. Führung richtet sich also immer von außen nach innen und nicht wie in klassischen, hierarchischen Organisationen von oben nach unten.

Selbstüberlassung ist keine Selbstorganisation

Ist ein Kreis jetzt einfach nur eine andere Beschreibung für Abteilung? Ein Kreis ist erst einmal ein Verantwortungsbereich und besteht aus 1 bis 10 Personen, die selbst entscheiden, wer aufgenommen oder ausgeschlossen wird. Jeder Kollege kann und sollte Mitglied in mehreren Kreisen sein. Den Verantwortungsbereich bestimmt ein Kreis selbst, während eine Abteilung ihren Bereich hierarchisch zugeteilt bekommt. Verantwortung liegt dann bei der Abteilungsleitung, während in einem Kreis die Gesamtverantwortung auf verschiedene Rollen verteilt wird.

Das kollegiale geführte Unternehmen“ ist ein sehr dichtes und kondensiertes Buch von Bernd Oestereich und Claudia Schröder, die hier ihre gesammelten unternehmerischen Erfahrungen zusammengetragen haben. Nach einer umfangreichen Einleitung gliedert es sich in die beiden Hauptteile „Strukturen“ und „Prozesse“. Auf der Makroebene geht es um die Organisationskonfiguration und auf der Mikroebene um die Kreiskonfiguration.

Jeder ist für seinen eigenen Wertschöpfungsbeitrag verantwortlich

Kollegial geführte Unternehmen entscheiden anders. Im Kapitel zu den „Prozessen“ stehen dann auch die Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse im Vordergrund. Auf Seite 156 findet sich eine Übersicht über die 13 verschiedenen Entscheidungswerkzeuge, wobei der Konsent das vielleicht bekannteste Werkzeug ist. Im Gegensatz zum Konsens geht es beim Konsent nicht um die mehrheitliche Zustimmung, sondern um eine Einwandintegration. Es geht nicht darum, Mehrheiten zu gewinnen, sondern darum, einwandfreie Entscheidungen zu erarbeiten. Das Verfahren ist zugegebener Maßen aufwändig – aber es soll auch der Entscheidungsvorschlag mit minimalen Einwänden gefunden werden, der kein Veto bei den Gruppenmitgliedern erzeugt. Ist ein Konsent gefunden, dann wurde über die Entscheidung nicht nur reiflich beraten, sondern es wurde auch diejenige Lösung gefunden, hinter der die Kollegen stehen und sie damit also größte Chancen auf eine solide Tragfähigkeit hat.

Zusammengefasst

Mit guten 300 Seiten ist „Das kollegiale geführte Unternehmen“ sicherlich durchschnittlich umfangreich. Allerdings war es der Anspruch der Autoren, umfassend verschiedene Aspekte im Aufbau von kollegialen Unternehmen zusammenzutragen, so dass sich das Buch streckenweise eher wie ein Lexikon liest – trotz zahlreicher Beispiele aus der Praxis verschiedener Unternehmen.

Im Untertitel heißt es: „Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen“. Dieses Buch darf durchaus Nachschlagewerk und Konzeptgeber verstanden werden. Und es gehört in jedes Bücherregal, wenn es um Arbeiten auf Augenhöhe im modernen Unternehmenskontext geht.

Bernd Oestereich, Claudia Schröder: Das kollegial geführte Unternehmen. Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen. Vahlen, 2017.

Zu den Workshops zum kollegial geführten Unternehmen

PS: Bücher kaufe ich übrigens am liebsten vor Ort in der Buchhandlung meines Vertrauens.

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