Zusammenarbeit

Mehr Vielfalt am Arbeitsplatz

Vitra Design Office. © Vitra, Daniele Ansidei

Demokratisierung des Sitzens

Wenn man durch die Dauerausstellung des Vitra Schaudepots streift und die Geschichte des modernen Möbeldesigns auf sich wirken lässt, dann scheint sich ein Gedanke immer wieder in vielen Objekten zu finden, den man „Demokratisierung des Sitzens“ nennen könnte.

Der Windsor-Stuhl stammt bereits aus dem frühen 18. Jahrhundert. Ein preiswerter, leichter und stabiler Stuhl, der bis heute hergestellt wird. Tornet schuf 1859 den Stuhl Nr. 14/Consumsessel. Seine Idee war es, Stuhl-Serienmodelle aus standardisierten Einzelteilen zu fertigen, die erst beim Verkäufer endmontiert werden. Für den Transport benötigen 36 Tornets Nr. 14 gerade mal einen Kubikmeter. Diese Reihe lässt sich um weitere prominente Modelle erweitern. Hier sei nur kurz auf den „Standard-Stuhl“ von Jean Prouvé, die Stühle der Plywood Group von Charles und Ray Eames und auf den Siebener von Arne Jacobsen verwiesen.

Alle diese Stühle sind längst keine Thron-ähnlichen Macht-Symbole mehr. Ihr Zweck ist der Einsatz in großen Stückzahlen, ihr Sinn die Beteiligung aller und ihre Verwendung alles andere als elitär, sondern bezahlbar. Der Trend setzt sich in neuerer Zeit fort in Frank Gehrys ganz aus Wellpappe bestehenden Wiggle Side Chair. 1968 wurde auf der Mailänder Möbelmesse Blow präsentiert, ein industriell gefertigter aufblasbarer Sessel, der zusammen mit einer Luftpumpe und einem Reparaturset für 20 US-Dollar verkauft wurde. Heute setzen Designer auf den 3D-Druck oder Selbstbauanleitungen. Stühle werden zum Konzept, können bereits heruntergeladen und vor Ort hergestellt oder ausgedruckt werden.

Entfesselung der Arbeit

Die modernen Herstellungsverfahren ermöglichten zunächst einmal die Serialisierung. Arbeitsschritte ließen sich automatisieren, Maschinen übernahmen die Produktion in definierten Prozessschritten. So ließen sich Preise senken und die Produkte in Katalogen oder Möbel-Kaufhäusern in großen Stückzahlen vertreiben. Die Serialisierung des Industriezeitalters half dabei, öffentliche Räume wie Schulen, dann auch Stadien und Flughäfen mit strapazierfähigen Stühlen auszustatten. Aber eben auch Großraumbüros. Für alle gilt gleichermaßen die Idee der Demokratisierung des Sitzens, wobei Stühle und Arbeitsplätze auch auf unsere Gleichheit verweisen, keiner ist höher gestellt oder untergeordnet.

Die Verbesserung der Produktionsprozesse ermöglichte schließlich wieder die Individualisierung der Produkte – im Rahmen vordefinierter Möglichkeiten. Zwischen mir und meinem Produkt steht nur noch ein Konfigurator, ein Tool, wie geschaffen für das Internet mit dem ich in aller Ruhe und jederzeit die Möglichkeit habe, meine Wünsche zu gestalten. Komplexere oder hochwertigere Produkte können heute oft in einem hybriden Prozess aus eigener Internet-Konfiguration und anschließender Fachberatung individualisiert werden.

Dinge entwickeln sich nur selten im luftleeren Raum.

Charles Eames

So lassen sich auch große Bürokomplexe durchaus anspruchsvoll aber auch individuell ausführen. Sicherlich, weil es produktions- und angebotstechnisch heute so einfach möglich ist. Der individuell ausgestaltete Arbeitsplatz des modernen Wissensarbeiters ist aber auch sowohl das optische als auch funktionale Gegenstück zum Standardschriftstücke abarbeitenden Sachbearbeiter des ausgehenden Industriezeitalters. Gemeinsam saß man an Schreibmaschinen, um wiederkehrende Arbeit effizient zu erledigen. Das Ziel eines erfolgreichen Bürotags war die perfekte Reproduktion von Arbeitsschritten auf hohem Niveau, ohne dass eine persönliche Handschrift des Schreibtisch-Arbeiters erkennbar sein sollte. Diese Jobs verschwinden zusehens. Digitale Roboter dringen in die letzten Bastionen ein, um juristische Texte auszuwerten, Transaktionen jeder Art vorzunehmen, kommunizieren und um algorithmisch gestützte Entscheidungen zu treffen.

Arbeitsumfelder als Collagen

Im Gegensatz zum Sachbearbeiter übernimmt der „Knowledge Worker“ andere Tätigkeiten. Er schafft Neues. Er ist dort zuhause, wo Kreativität jenseits von technischer Vorhersagbarkeit gefordert ist. Der Wissensarbeiter ist im Problemraum zuhause, er lernt aus Experimenten, aus Erfahrungen und erarbeitet schließlich die Lösung. Aber Dinge entwickeln sich nur selten im luftleeren Raum. Kreative Höchstleistung in komplexen Umfeldern ist kaum auf die Arbeit eines einzelnen Genies zurückzuführen. Im Gegenteil ist die Geschichte voll von Menschen, die in Werkstätten und Garagen in mühevoller und langwieriger Arbeit Neues erfunden haben. Immer gemeinsam im Austausch mit Menschen und in Zusammenarbeit mit Kollegen.[1]

Die Wissensarbeiter von heute sind Individuen mit unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten und Fertigkeiten. Manchmal ist genau ihr Spezialwissen, manchmal ihre Kooperationsbereitschaft gefragt. Sie arbeiten, oft auch dezentral, zusammen mit Kollegen an gemeinsamen Problemstellungen. Dabei visualisieren und optimieren sie ihren Arbeitsfluss zum Beispiel mit Hilfe eines Kanban-Boards.

Das weitverbreitetste Framework zur agilen Zusammenarbeit ist heute Scrum.[2] Ein Scrum-Team besteht aus in der Regel weniger als zehn Personen, die sehr diszipliniert permanent und gemeinsam Aufgabenstellungen lösen. Optimaler Weise teilen sie sich einen Team-Space – will man mit mehreren Kollegen gemeinsame Problem lösen, braucht es reichlich und gute Kommunikation. Die ist natürlich immer wichtig. Arbeiten Menschen aber an gleichen Fragestellungen gewinnt etwas an Bedeutung, das man in einem Großraum-Büro voller Individualarbeiter verhindern möchte: Das Zuhören-müssen am Gespräch der Anderen. Denn das ist nun nicht mehr kontextloses Nebengeräusch, das von der Arbeit ablenkt, sondern Träger von potentiell wertvoller Information und gemeinsamen Wissens, das verteilt werden soll. Fachleute sprechen hier von osmotischer Kommunikation. Wissen, das mich umgibt und jederzeit zu mir durchdringen darf, nein: soll!

In der Architektur von Scrum ist fest verankert, das wir in einem Team nicht mehr eine Summe von Individuen mit Einzelproblemen sind. Vielmehr haben wir uns auf die Lösung einer größeren Aufgabe verständigt. Die Kunst besteht nun darin in einem vertrauensvollen Umfeld ein Wir zu schaffen, aus einer Gruppe von einzelnen Persönlichkeiten ein Team zusammenwachsen zu lassen. Es ist ungeheuer wichtig, dass wir uns mit unseren einzelnen Stärken gegenseitig unterstützen und unter die Arme greifen.

„Immer, wenn ein oder mehr Dinge bewusst zusammengestellt werden, damit sie ein besseres Ergebnis erzielen als jedes für sich alleine, handelt es sich um einen Akt des Gestaltens.

Roggenbrot und Schweizer Käse zu vereinen, ist ein großartiger gestalterischer Akt. Der Wert des Ergebnisses – das Sandwich – ist nicht der Wert von Roggenbrot und Käse, sondern Roggenbrot plus Käse hoch N.“

Charles und Ray Eames

Das Prinzip der Collage spielt im Werk bei Charles und Ray Eames eine herausragende Rolle. Immer wieder vermischen sie verschiedene Materialien, Stile und Konzepte in einzelnen Objekten und gestalten darüber hinaus ihren Wohn- und Arbeitsraum als kontinuierliches, heute würde man sagen: iteratives „Work in Progress“. Genau so individuell wie unsere Fähigkeiten dürfen und sollten daher auch unsere Arbeitsplätze sein. Unseren aktuellen Bedürfnissen müssen sie Rechnung tragen. Wenn sich Anforderungen und Aufgaben ändern, sollten sie dies auch tun. Die Diversität unserer Mitarbeiter und Arbeitsumfelder ist der entscheidende Faktor, wenn wir neue und herausragende Produkte schaffen wollen.

Anmerkungen

Die beiden Zitate von James und Ray Eames sind entnommen aus: „Essential Eames: Words & Pictures. Vitra Design Museum 2017“, Seite 28 und 114. 

[1] Zum Thema individueller Begabung und growth mindset vgl. auch „Carol Dweck: Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt. 2. Auflage Piper 2017“. Zu meiner Rezension.

[2] Status Quo Agile. Dritte Studie zu Verbreitung und Nutzen agiler Methoden
Studie der Hochschule Koblenz BPM-Labor in Zusammenarbeit mit Scrum.org und GPM.

Bild: Daniele Ansidei, © Vitra 

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