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In 4 Denkbewegungen zum agilen Mindset

Agile Mindset. Bild: Shutterstock.com

In diesen Tagen möchten viele Unternehmen agil oder zumindest beweglicher und schneller werden und starten eine Transformation, also einen Veränderungsprozess. Es erinnert manchmal ein wenig an die schwarz-weißen Pixel-QR-Bilder, die vor einiger Zeit noch in keiner Werbekampagne fehlen durften. Mit ein wenig Einarbeitung war die Produktion der Codes schnell verstanden, anschließend mussten sie nur noch auf Plakate und Verpackungen geklebt werden. Nur der Kunde hat die Codes einfach nicht genutzt. Ist das agile Unternehmen nur eine weitere Sau, die durch den Berateralltag getrieben wird?

Agile Methoden kann man lernen. Das agile Manifest ist mit seinen vier Werten und zwölf Prinzipien angenehm kurz, der Scrum Guide kommt mit nicht  einmal 20 Seiten aus und Kanban kennt in seiner Grund-Form ganze drei Spalten und ein Limit für alle Arbeiten, die gerade ausgeführt werden. Lean trägt die Schlankheit sogar schon im Namen. Doch so schnell die Methoden und Werkzeuge gelernt sind, so langsam scheint doch unser Verstand zu verstehen, wie damit umzugehen ist. Was ist denn so verkehrt an unserem Denken, warum brauchen wir eigentlich das oft beschworene agile Mindeset?

1.) Statisch und dynamisch

Bereits in der Schule haben wir gelernt, was richtig und falsch ist und das unsere Leistungen eigentlich nie wirklich gut genug waren. Als Erklärungsmuster dient gerne der Grad der Intelligenz, gemessen z.B. mit einem IQ-Test und wer wollte hier nicht gerne überdurchschnittlich abschneiden? Gerade wir Deutschen lieben den Genie-Kult. Einen Goethe, Mozart, Einstein, die kann es nur einmal geben und sie waren wohl schon von Geburt an prädestiniert. Allzu schnell übersehen wir, mit welcher Konsequenz diese Menschen ihre Fähigkeiten kontinuierlich verbessert, wie sie an sich gearbeitet haben.

Carol Dweck unterscheidet zwischen einem fixed und einem growth Mindeset.
Menschen mit einem statischen Weltbild glauben, dass Talent alleine für den Erfolg ausreicht – ohne zusätzliche Anstrengungen. Dabei ist unser Gehirn, sind unsere Talente doch nur der Beginn einer Entwicklung. Das Schlagwort vom lebenslangen Lernen klingt schnell wie eine Bedrohung, obwohl wir es als Chance für kontinuierlich neue Erfahrungen begreifen sollten. Für Menschen mit einem dynamischen Weltbild ist es selbstverständlich, dass sie ihre Fähigkeiten immer weiter entwickeln und verfeinern können. Schließlich entwickeln wir auch unsere Interessen und Fragestellungen – und entdecken z.B. agile Arbeitsweisen.

2.) Ich und Du

Denken, fühlen und handeln erleben wir immer aus der Ich-Perspektive. Wir stecken in unserer Haut, erleben Hunger, Hitze aber auch Bedürfnisse wie Zuwendung und Sicherheit. Ein unmittelbares Du entzieht sich unserer Wahrnehmung. Und doch haben wir einen Zugang zum Anderen. Nicht nur über unsere Sinne, sondern auch mit unsere vielleicht wichtigsten Fähigkeit: der Empathie. Wenn wir heute über Führung lesen, dann fängt es schon bei den Kleinigkeiten wie dem „Danke sagen“ an. Den anderen wertschätzen, für das, was er gleistet hat, worauf er vielleicht auch ein klein wenig stolz ist.

In seiner Studie „Project Aristotle“ ist Google der Frage nachgegangen, wie man perfekte Teams aufbaut. Überraschender Weise ist es nicht wichtig, ob nur Freunde, Extrovertierte oder überdurchschnittlich Begabte Teil eines Teams sind. Entscheidend ist die Interaktion. Lasse ich mein Gegenüber ausreden? Höre ich ihm aktiv zu, also verfolge ich nicht meine Gedanken während der andere redet, sondern versuche ihn zu verstehen, frage nach, paraphrasiere in der Art „Habe ich dich richtig verstanden, dass…“? Stellen wir Augenkontakt her, wenn wir miteinander reden?

3.) Push und Pull

In der Schule bekamen wir schon Hausaufgaben, in der Firma sorgt der Chef für unsere Auslastung. Wir sind es gewohnt, dass der Schreibtisch immer voll ist und sich wie selbstverständlich weiter füllt. Aufgaben zugeteilt zu bekommen ist an sich nichts Schlechtes. Es gibt viele offensichtliche und einige komplizierte Aufgaben, die exakt geplant und in einer definierten Reihenfolge abgearbeitet werden müssen. Hier geht es nicht nur um die berühmte Fließbandarbeit, sondern auch um Dinge wie z.B. Gehaltsabrechnungen. Die müssen nämlich einfach stimmen, Experimente kommen beim Angestellten eher nicht so gut an.

In einer Welt mit zunehmend komplexen Aufgaben kommt das Push-Prinzip allerdings an seine Grenzen. Komplex ist alles, was wir nicht vorausberechnen können. Eine Uhr, auch ein Computer sind kompliziert. Schwer zu durchschauen, aber in allen Details nachvollziehbar und planbar. Ein Fußballspiel ist komplex. Die Summe aller guten Spieler garantiert noch nicht den Triumph. Aber auch hier kann am Erfolg gearbeitet werden. Man erarbeitet Strategien und wenn die erste nicht funktioniert verfolgt man eine weitere, solange bis das Tor fällt. Immer dort, wo Menschen zusammen kommen, stellen sich komplexe Situationen ein. Hier ist ein anderes Vorgehen notwendig: Ziele und Nutzen des Projekts müssen klar formuliert und Informationen transparent bereitgestellt werden, so dass alle Beteiligten in der Lage sind, sich selbstorganisierend Aufgaben zu ziehen. Wer sein halbes Leben nur Push gewöhnt ist, für den ist ein eigenverantwortliches Pull oft eine wirkliche Herausforderung. Versteht das bitte nicht als Anklage, sondern vor allem als Aufforderung zur Geduld. Mit uns selbst und mit den anderen.

4.) Planung und Iteration

In der klassischen Projektplanung folgt nach der Initiierung die Planungsphase. Anschließend wird der Plan ausgeführt, die Ausführung kontrolliert und per Change Request können auch Änderungen zu einem gewissen Preis noch nachträglich implementiert werden. Die Art des Vorgehens fokussiert zunächst einmal auf den Sponsor des Projekts, also den Geldgeber bzw. den Auftraggeber. Für ihn wird der Plan entworfen und durchgeführt. Weiterhin suggeriert die Planungsphase, dass man Komplexes planen kann. Also in Worten oder einfachen Modellen beschreibt, was nach Monaten und Jahren der Umsetzung schließlich die Lösung sein soll.

Der Perspektivwechsel lohnt immer. Natürlich müssen Projekte bezahlt werden, aber im Fokus muss der Anwender und sein Nutzen stehen und nicht der Geldgeber. Den Anwender wiederum muss man kennenlernen. Es lohnt, ihn schon früh mit der angedachten Lösung zu konfrontieren, in Experimenten herauszufinden, was wirklich funktioniert und was vielleicht nur am Bildschirm schön aussah. Agiles Arbeiten kennt sehr wohl Planung, sie findet immer wieder und ausführlich auf der Basis von Nutzerinteressen statt. Der Unterschied ist nur, dass Planung nichts einmaliges und abgeschlossenes mehr ist, sondern regelmäßig in jeder Iteration stattfindet und verfeinert wird.

Zusammenfassung

Agile Methoden kann man lernen. Das sind gewisser Maßen „Hard Skills“, die sich z.B. in Zertifizierungs-Programmen abfragen lassen. Damit diese Methoden zum Erfolg führen braucht es Menschen, die sich auf eine offene und dynamische Denkweise einlassen. Es braucht die Fähigkeit, Perspektiven wechseln zu können. In Richtung der Kollegen, aber auch in Richtung des Endanwenders. In komplexen Situationen ist dabei jeder immer der Experte, der das Ganze im Blick hat und sich eigenverantwortlich aktiv in die Organisation einbringt. Regelmäßig immer wieder ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Dummerweise kann man nicht an der Haltung arbeiten in dem man sie befiehlt: „Sei doch mal kooperativ!“ Aber man kann sie vorleben und erlebbar machen. Vorgesetzte spielen hier eine entscheidende Rolle für den nachhaltigen Erfolg. Aber jeder von uns kann heute und jetzt gleich schon den ersten Schritt auf den anderen zugehen. Und damit die Grundlagen für den Erfolg agiler Methoden schaffen. Damit es ihnen nicht genau so ergeht wie seinerzeit den QR Codes.

tl;dr

Die besten Methoden nutzen nichts, wenn man nicht bereit ist, auch an sich selbst zu arbeiten.

Bild: Mit Lizenz von Shutterstock.com

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