Bericht

re:publica 17 – die Macht der Worte

re:publica 17 - love out loud. Bild Thomas Suppes

Irgendwie gleicht die re:publica einem Panoptikon. Als einer von über 8.000 Besuchern stehe ich zu Beginn des ersten Tages mitten drin im Innenhof und schaue in meine re:app. Ich mache mir ein Bild vom Angebot und muss mich für einen Talk auf einer der je 17 parallel bespielten Bühnen entscheiden. Also sammel ich Informationen, lese Teaser-Texte oder schaue schnell im Netz nach – lohnt sich die Entscheidung?

Gunter Dueck hat in seiner Keynote „Flachsinn“ verschiedene Bilder von solchen ursprünglich für Gefängnisse und Fabriken entworfenen Gebäuden auf die Leinwand gebracht. Die Aufmerksamkeit galt im Panoptikum den Häftlingen oder Arbeitern. In der Mitte stand der Wächter oder der Chef und hatten einen exklusiven Blick auf alle Menschen. In gewissem Sinne sind das immer noch unsere Themen, auch wenn heute keiner mehr wirklich von Edward Snowden und einer Spionage Affäre spricht. In diesem Jahr interessiert uns eher Big Data, wo die Grenze zwischen meinen privaten oder öffentlichen Daten verläuft. Wir wissen, wie leicht man aufgrund von zahlreichen aufgezeichneten Informationen auf unsere Identität zurückschließen kann.

Aber etwas hat sich mit der Digitalisierung verändert. Wir selbst stehen auf einmal im Mittelpunkt, wenn über 700 Speaker unsere Aufmerksamkeit suchen. Wenn es um uns Besucher aber auch um unsere Bewertungen, Likes, Tweets und Kommentare geht. Längst haben die technischen Plattformen im Internet uns allen eine Stimme gegeben, wir können gehört werden, zumindest theoretisch. Wenn aber jeder von uns eine Facebook-Seite und einen Twitter Account hat und Fotos auf Instagram veröffentlicht, wer hört uns dann noch? Dann müssen wir lauter werden, mit deutlicheren Überschriften um euer Gehör werben! Der Ton wird ruppiger. An allen Ecken wird über Hate-Speech debattiert und wie man mit diesem Phänomen umgehen kann.

Stream smart!
Mit Individual Social Responsibility.
Gunter Dueck

Am Ende seines Talks präsentiert uns Gunter Dueck ein neues Akronym: ISR. Analog zur Corporate Social Responsibility überführt er unternehmerische Verantwortung in den Bereich des Privaten, in die Individual Social Responsibility. Wir alle tragen Verantwortung. Sind aufgerufen immer wieder zu reden, nicht stumm zu bleiben oder stumm zu werden: Stream smart!

Am deutlichsten hat es vielleicht Sascha Lobo dieses Jahr formuliert. Die gewohnte Publikumsbeschimpfung blieb aus. Stattdessen berichtete er von seinen Selbstexperimenten, sich dem Hass und den kaum zu ertragenden Meinungen, Unwahrheiten und Lügen auseinanderzusetzen. Heraus kamen Empfehlungen, wie ein Dialog geführt bzw. wie er überhaupt wieder in Gang gesetzt werden kann: Bleibt immer höflich, immer. Fühlt euch hinein und lobt euer Gegenüber, wenn sich ein sinnvoller Ansatzpunkt findet. Liefert Fakten und beginnt eine Diskussion darüber. Sät Zweifel an der vorgefassten Meinung („Meinst du wirklich, dass gleich ALLE Flüchtlinge den Tod verdienen?“). Natürlich hat diese Methode Grenzen und niemand muss darüber diskutieren, ob der Holocaust überhaupt stattgefunden hat. Aber genau so diverse wie wir alle sind, so unterschiedlich sind auch Menschen, die ihren Frust laut herausschreien. Manchmal scheinen sie regelrecht verdutzt, wenn sie merken, dass ihre Worte gehört wurden. Und immer wieder lassen sie sich auch überzeugen. Nein, nicht alle.

Wre:publica 2017 - Die Welt nicht den Arschlöchern überlassenorte haben eine Wirkung, Debatten haben Macht und können verändern. LOVE out LOUD war das diesjährige Motte der re:publica 17. Mit #LOL lächelten wir über das Miteinander von Liebe und Lachen. Auf Schildern hielten wir unsere Aufforderungen und Erkenntnisse hoch, wenn wir uns mit #lolreposter Gehör verschafft hatten.

Debatten führen und Demokratie leben ist anstrengend. Wenn wir alle mitreden, dann dauern sie sehr lange. Und wir werden nicht jeden Gegensatz beseitigen können, sondern müssen uns auch einmal einigen. Das war unter anderem sehr gut und konkret bei den Podiums-Diskussionen um die „Charta der digitalen Grundrechte für die Europäische Union“ oder das Weißbuch Arbeiten 4.0 live mitzuerleben.

Diese re:publica hat Mut gemacht: Gegen Hass & Faschismus und für (Digitale) Zivilcourage – Danke Tanja Haeusler für die tollen Worte beim Opening. Oder wie es @diewahremona so schön auf den Punkt brachte: Wir werden die Welt nicht den Arschlöchern überlassen. Hell ya! Let’s #LoveOutLoud.

Bilder: Thomas Suppes

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